Weihnachten 2019

Es war Anfang Dezember, als ich folgende Nachricht erhalten hatte: „Hello, this is Mei your host. I hope everything is going well with you. There is a tropical storm coming in the Philippines today. Please be ready with your food stocks if heavy rain and flooding occurs. Also make sure that your battery phone is charged and the emergency lights charged. Thank you“ „Die wissen schon, wovon sie reden“, dachte ich mir, und befolgte brav die Ratschläge. Es war Mango als Grundnahrungsmittel vorgesehen und ich habe natürlich meine technischen Mitbringsel alle brav aufgeladen. Als es dann so weit war, haben wir das Spektakel aus dem 2. Stock heraus beobachtet. Es hat heftig gestürmt, der Wind hat heftig um das Haus gepeitscht und die Palmen haben sich so sehr gebogen, dass ich dachte, dass am nächsten Morgen keine Einzige mehr senkrecht im Boden stehen würde. Wer schon einmal ein Typhoon miterlebt hat, weiß wovon ich rede 😉 Nun, als es dann vorbei war, haben wir der Insel eine Inspektion abgestattet. Mein Bericht würde lauten, sofern ich einen schreiben müsste: Mittel schwere Überflutung der Insel und einige Palmenblätter sind abgebrochen. That’s it! Im Großen und Ganzen, wenn man berücksichtigt wie es die Nacht hier gestürmt hatte, nicht wirklich tragisch … und wenn man auf den Philippinen wohnt, ist ein solcher Typhoon sicherlich schon eine „relativ“ normale Naturerscheinung. Aber nicht für mich, es war quasi mein erstes Mal 🙂

Es ist nun kurz vor Weihnachten … von den letzten Typhoon Hinterlassenschaften ist weit und breit nichts mehr zu sehen … außer eventuell auf den digitalen Kanälen. Aber es ist wieder Normalität auf der Insel eingekehrt und alles ist so wie es sein sollte.

Es war der 20. Dezember, als mir jemand beim Kiten mitgeteilt hat: „Hast Du schon gehört, dass wieder er ein Typhoon auf uns zu kommen wird … dieses Mal soll er sehr wahrscheinlich am 24. Dezember auf der Insel eintreffen.“. „What?“ Dachte ich mir… und ebenfalls dachte ich mir: „Was bedeutet das für meine Freundin, die bereits vom 25. ein Flugticket zurück nach Manila (Hauptstadt der Philippinen) um am 26. nach London gebucht hatte? Klappt das alles wie geplant?“ Nun, als alter Typhoon Hase, habe ich der Sache gelassen ins Auge geschaut und bin erst einmal wieder ins Wasser gesprungen, um meine Kite-Skills zu verbessern …

Am Abend widmete ich mich dann dem Thema und fand schnell heraus. Das Augen vom „Phanfone“, so der nette Name des Typhoons, geht direkt über unsere kleine aber feine Insel, die wir uns vor einigen Monaten als Residenz ausgesucht hatten. Das nenne ich Jackpot… genau die Insel von den insgesamt 7641 auf Philippinen auszusuchen, wo das Auge drüberzieht. KLAR, wieso auch nicht? Ich liebe ja das Abenteuer, aber muss es dann gleich wieder so etwas sein? Schnell wurde mir klar, dass wir hier etwas mehr Planung und Vorbereitung brauchen als beim letzten Mal … und wie der Zufall so will, kam direkt die führsorgliche Nachricht vom Vermieter. Ha, Copy&Paste Nachricht, erwischt, dachte ich mir … egal. Wir entschieden uns, dass meine Freundin bereits am 24. nach Manila fliegt, da wir uns unsicher waren ob der Flug am 25. wirklich stattfinden wird.

Nun, es war endlich Weihnachten, wir hatten gerade vormittags. Meine Freundin hat sich von unseren lieb gewonnen Freunden schweren Herzens verabschiedet und wir sind bereits auf den Weg zum Flughafen von Caticlan, einer benachbarten Insel von Boracay. Als wir an der Fähre gegen späten Mittag angekommen waren und ich die Jungs fragte, wann heute die letzte Fähre zurück nach Boracay geht würde, so bekam ich als Antwort: Gegen 18 Uhr. Cool, 5 Stunden Zeit, das packe ich locker und bin mit auf Fähre gehüpft. Nachdem ich meine Freundin zum Flughafen gebracht hatte, bin ich anschließend entspannt zurück zum Hafen gelaufen. Am Ticket-Schalter angekommen, heiß es dann plötzlich: Es tut uns sehr leid, aber die Küstenwache hat Signal-Stufe 2 ausgerufen und somit alle Schiffs-Verbindungen zwischen Caticlan und Boracay vorläufig eingestellt. Was zur Hölle, dachte ich mir… Ich wartet anschließend zwei Stunden, in der Hoffnung, dass die Küstenwache zur Besinnung kommt, da hier bereits tausende Urlauber darauf warteten nach Boracay zu kommen. Und dann die ernüchternde offizielle Meldung: Der Schiffs-Verkehr wird aufgrund des kommenden Typhoons auf unbestimmte Zeit komplett eingestellt. Da war also das Worst-case scenario, welches seit zwei Stunden in meinem Kopf herumgeistert. Gestrandet auf Caticlan, am Heilig-Abend. Ich hatte NICHTS dabei, außer ein fast leeres Handy, 3.000 Pesos (umgerechnet ca. 55€) und das in einem so richtig „miesen“ Urlauber-Outfit.

Meine Stimmung sank minütlich immer tiefer… Wieso muss mir gerade so etwas passieren, fragte ich mich … oder wieso bin ich so blöd und fahre mit nach Caticlan, wenn ich die Situation doch schon erkannt hatte? Aber all das brachte mir gerade nichts mehr … die Situation war hoffnungslos. Ich entschloss mich los zu laufen und fragte am Hafen noch paar Kapitäne, ob sie eventuell doch fahren würden und mich mitnehmen könnten. Fehlanzeige … keine Chance. Ich öffnete Google und suchte mit ein beschissenes (weniger gutes) Hotel aus, was mich hoffentlich einchecken lässt, auch ohne Reisepass.

Auf der Suche nach einem Hotel entdeckte ich einen weiteren Hafen in der Nähe … etwas außerhalb und deutlich kleiner. Ist das eventuell doch noch mein Rückfahrt-Ticket an Heilig-Abend nach Boracay?? Da ich nichts Besseres zu tun hatte, wollte ich dort mein Glück versuchen und bin losgelaufen … Es hatte bereits angefangen zu Regnen. Quasi der Vorbote vom Bösen, der uns so mitteilen wollte: Ich komme. Fuck, ja, ich habe es verstanden … und meine Aussicht, von dieser Insel noch herunter zu kommen, sank damit quasi weiter um jede Minute. Nach einer dreiviertel Stunde Fußmarsch bin ich dann endlich am Hafen angekommen. Weit und breit nichts zu sehen … keine Menschen, keine Schiffe. Gar nichts. Außer das Militär, das voll bewaffnet da Stand und auf irgendwas aufpasste. Shit! Mein Glück hat mich verlassen. Definitiv. Gemütszustand: Zero.

Als ich mich dann am Hafen umgesehen hatte, sah ich auf der rechten Seite einige Fischer-Boote, die bereits am Stand vor dem Typhoon in Sicherheit gebracht wurden. Ich dachte mir: Eventuell finde ich ja einen verrückten Fischer, der mich zur Insel bringen könnte. Also bin ich losgelaufen und fand einige Fischer, denen ich meine Situation erklärte. Ich kam schnell zur Erkenntnis, dass der Transport, sofern die Küstenwache den Schiffs-Verkehr eingestellt hat, für die Fischer strafbar ist und mit hohen Geldstrafen bestraft werden würde. Ich fragte, was „hoch“ bedeutet um bekam als Antwort: Ca. 8-10.000 Pesos (umgerechnet 180 €), der Fischer verliert seine Lizenz und das Boot wird beschlagnahmt. Sweet :/

Da ich aber einen „verrückten“ Fischer suchte, der sich etwas Kleingeld dazu verdienen wollte und das Abenteuer sucht, bin ich also weiter gezogen… Aufgeben war für mich keine Option! Und siehe da, nach gut zwei Stunden und bereits mitten im Jungle angekommen, hatte ich tatsächlich einen Fischer gefunden, der es versuchen wollten… YEAH! Da es bereits fast dunkel war und die Küstenwache auf dem Wasser patrouillierte, war es zu heikel direkt los zu fahren … und somit fuhr der Fischer erst einmal alleine los um die Lage zu checken und ebenfalls einen Strand auf Boracay zu finden, wo die Küstenwache aktuell keine Wachposten aufgestellt hatten. Der Fischer kam zurück und dann ging es plötzlich ganz schnell. Es war das kleinste Boot was ihr euch vorstellen könnt, quasi maximal Platz für zwei Personen … also der Fischer am Steuer und ich vorne im Rumpf. Ich legte mich so tief in den Rumpf wie nur möglich und deckte mich mit einer Plastikplane zu, damit ich für die Küstenwache nicht zu sehen war. Los ging das Abenteuer! Das Meer war bereits rau und mein Herz raste mittlerweile mit einem Puls, der definitiv Weltrekordverdächtig war! Fuck, was tu ich hier eigentlich, dachte ich mir … Ich fand ein kleines Loch in der Plastikplane und konnte so den Fischer beobachten. Der Stand mit beiden Beinen hinten auf dem Boot, in der einen Hand eine Zigarette und in der anderen Hand das Steuer. Fuck, was geht mit dem Typen bitte? Mir geht der Arsch auf Grundeis, wir können jede Sekunde von der Küstenwache erwischt werden und der hatte die Ruhe weg. Plötzlich wurde das Boot langsamer … wir waren Gefühl nur paar Minuten unterwegs. Keine Ahnung, ich hatte so gar kein Zeitgefühl mehr … „Sir, please come out“ rufte der Fischer zu mir. Ich dachte mir: Shit, die Küstenwache hat uns gestoppt! Jetzt ist alles vorbei. Ich zog vorsichtlich die Plane zur Seite und stellte glücklicherweise fest: Wir sind bereits am Strand von Boracay! Weit und breit keine Küstenwache. Boah, habe ich mich gefreut! Unglaublich! Ich hatte dem Fischer bereits mein ganzes Geld vorab gegeben gehabt, mich anschließend tausendmal bedankt, bin aus dem Schiff gesprungen und bin um mein Leben gerannt um in „Deckung“ zu gehen. Shit, ich sage euch, ich habe mich gefühlt wie die Amerikaner in der Normandie!

Ich lief nun langsam zurück zu meiner Unterkunft… komplett durchnässt, dreckig vom Rumpf des Schifferbootes, 0 Akku, 0 Money … was ein Abenteuer! Ich war froh, dass ich sicher angekommen war, wenn gleich ich auch an die anderen tausenden Reisende denken musste, die jetzt in Caticlan gestrandet sind und sicherlich keinen verrückten Fischer gefunden hatten um auf die Insel zu kommen :/

Jetzt hieß es aber direkt: Vorbereitungen für den Typhoon treffen. Ich habe mir wieder Geld besorgt, habe unzählige Mangos eingekauft und anschließend bin ich zum Heilig-Abend Dinner ausgegangen. Yeah, schön war es! Weiter ging es zur ersten Bar, dann zur zweiten und irgendwann nachts um 5 Uhr bin ich dann Hause getorkelt. Was für ein ereignisreicher Tag. Weit und breit kein Typhoon in Sicht. Ha, falscher Alarm … und bin tot müde ins Bett gefallen.

Keine zwei Stunden später wurde ich von lauten Geräuschen geweckte. Da war er nun … der liebe Typhoon, auf den alle gewartet hatten und mir das Leben bereits vor Ankunft schwer gemacht hatte. Shit, der Typhoon hat es in sich … deutlich mehr Kraft als der Vorherige, das war zu spüren. Ich saß also am Fenster, betrachtete das Spektakel und bettete, dass jeder da draußen eine sichere Unterkunft gefunden hatte. Verrückte Welt, dachte ich mir … und war froh in meinen 4 Wänden zu sein und nicht irgendwo in einem Hotel-Zimmer mit einfach rein gar nichts bei mir.

Ja, ich war natürlich noch tot müde, konnte aber nicht schlafen, weil es einfach unfassbar laut war. Also habe ich angefangen den einzigen Film auf meinem Laptop zu schauen, den ich hätte schauen können, da er offline zur Verfügung stand: Transformers, der Erste. Ein Klassiker, den man sich ja auch öfters anschauen kann … Die Müdigkeit riss mich dann aber doch irgendwann in den Schlaf, da es draußen langsam ruhiger geworden war ..

Plötzlich wurde ich wieder aus dem Schlaf gerissen. Dieses Mal, weil ich am Kopf nass wurde! Fuck! Panik! Adrenalin schoss durch meinen ganzen Körper. Der Typhoon wütete wieder erbarmungslos und ich konnte draußen noch weniger erkennen als vorher. Ich stellte fest, dass der Typhoon mit unfassbarem Druck Wasser durch die Fenster Rahmen drückte… krass! Einfach unglaublich! Ich wollte ein Handtuch holen und stellte fest: Mein ganzes Zimmer ist mit Wasser geflutet. What the hell? Ich bin im zweiten Stockwerk … wie bitte geht das!? Ich traf schnell die Entscheidung das mit dem Handtuch sein zu lassen, brachte alles Wichtige was noch nicht nass war in Sicherheit und zog mein Bett in die Mitte des Raumes. Puh. Verrückt. Nun hieß es mal wieder abwarten und beten … und somit schaute ich Transformers weiter und bin dann wieder irgendwann erneut eingeschlafen vor lauter Müdigkeit …

Am späten Nachmittag, als der Typhoon sich dann endlich verabschiedete hatte, wagte ich ein Blick vor die Tür. Ich bin ca. zwei Stunden über die Insel gelaufen und musste feststellen, dass es schwere Überschwemmungen auf der kompletten Insel gab sowie starke Verwüstungen, insbesondere in Strand-Nähe. Unglaublich viele Bäume umgekippt sind und leider oftmals auf Gebäude oder infrastrukturelle Einrichtungen. Teilweise, da nicht jedes Gebäude aus Stein-Substanz gebaut wurde, sind diese Gebäude vom Wind buchstäblich weggefegt worden. Am Stand haben sich riesige Gräben gebildet, die kaum zu überwinden sind, da so dass das ganze Wasser auf der Insel ins Meer fließen kann.

Es ist nun der 27.12. und ich sitze gerade in meinem Lieblings Restaurant und Esse zu Abend … Weiterhin gibt es auf der Insel flächendeckend kein Strom. Lediglich paar Hotels und Restaurants verfügen über Notstrom-Generatoren … wobei diese teilweise auch kein Diesel mehr haben. Was zur Folge hat, dass immer mehr Restaurants geschlossen bleiben. Viele Gäste verfügen über nur noch wenige Pesos im Geldbeutel, da alle Geldautomaten seit Tagen nicht mehr funktionieren. Ich konnte glücklicherweise Reserve-Euro’s umtauschen und somit paar Freunden mit etwas Geld aushelfen. Internet-Verbindung, um der Heimat mitzuteilen, dass es mir gut geht? Fehlanzeige … alle Mobil-Funk Netze sind kurz nach dem Typhoon vollständig eingebrochen.

Was man in solch einer Situation den Tag über macht? Helfen … den Menschen helfen, die einem über die letzten Monate ans Herz gewachsen sind.

In diesem Sinne … viele Grüße aus Boracay, dem etwas anderes Urlaubsparadies.

2 Kommentare

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Die Mutter eines anonymen Mitlesersantworten
8. Januar 2020 um 13:46

Wow, schön das es dir gut geht.

10. Januar 2020 um 8:39

Hallo Sebastian, schön zu hören, dass Du den Typhoon heil überstanden hast. Wir haben heute erst erfahren, was passiert ist. Was für ein Erlebnis! Wir sind in Thailand und hatten Dir über What‘s App geschrieben, dass es sehr schade ist, dass wir uns nicht sehen können. Aber dafür ist die Distanz dann doch zu groß. Alles Liebe von Jessica und Joachim

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