Anniversary

Nun, um ehrlich zu sein. Es sind nun schon ganze 13 Monate vergangen, seitdem ich in Deutschland meine Reise begonnen habe. Wie sagt man so schön: „Die Zeit rennt“. So subtil und alt auch die Redewendung ist, so wahr ist sie auch. Ja, die Zeit rennt. Daran gibt es kein Zweifel. Obwohl ich unheimlich viel gesehen, erlebt und gelernt habe auf meiner Zeitreise, so kam es mir vor als es ob ich erst gestern gestartet bin. Woran liegt das?

Hier ist gerade die Dämmerung angebrochen und ich habe ein nettes Plätzchen gefunden zum Übernachten – Mitten in west-bangalischen Reisfeldern, kurz vor Kolkata. Der Laptop ist auf meinem Schoß, die Helligkeit des Bildschirmes ist auf ein Minimum eingestellt in der Hoffnung, dass mich keine Einheimischen erspähen und das die elendigen Mücken mich in Ruhe lassen … und als ich meinen Nachtplatz traditionell hergerichtet hatte, dachte ich mir plötzlich:

„Genau jetzt ist es Zeit ein Jahres-Resümee zu schreiben!“

Eigentlich wollte ich schon seit Monaten, dass dieser Blog erreichbar ist … und eigentlich wollte ich auch schon längst diesen Beitrag geschrieben haben. Aber? Aber es kommt bekanntlichweise ja immer anders als man denkt. Und wer es nicht glaubt will – sogar auf einer Weltreise 😉 Woran liegt das? Was mich betrifft, so will ich es euch verraten, bevor wir hier eine Grundsatzdiskussion starten werden. Lange bevor ich die Reise wirklich begonnen habe, schwor ich mir folgenden Grundsatz:

„Genieße jeden Moment auf Deiner Reise – so intensiv wie es nur geht und tue nur das, worauf Du Lust hast. Tue es für dich und für keinen anderen!“

Im Umkehrschluss bedeutet das auch: Tue nichts, worauf Du keine Lust hast und sage zu den Dingen bewusst „nein“. Lerne nein zu sagen, da es viel schwieriger ist zu 100 Dingen nein zu sagen, als ja. Und ich bin ein verdammt guter „Ja-Sager“.

Und genau das ist der Grund, wieso ich in den vergangenen 13 Monaten andere Prioritäten hatte als meinen Blog online zu schalten oder diesen Beitrag zu schreiben. Immer, wenn ich Lust hatte, arbeite ich an dem Blog. Wenn ich keine Lust hatte, machte ich Dinge, worauf ich Lust hatte. Wir sind oft gesellschaftlich als auch familiär dazu erzogen worden zu gehorchen und dem eisernen System zu folgen. Oft fängt das bei den kleinen Dingen an. Keiner sagte mir, dass ich einen Blog schreiben soll und warum dieser nicht online war. Aber dennoch habe ich tief im Inneren Schuldgefühle gehabt. Wir sind dazu verdammt worden zu performen. Die Zeit, die wir zur Verfügung haben, produktiv zu nutzen. Uns gut dastehen zu lassen. Aber wofür? Wofür tun wir all das? Oft tun wir das doch nur wegen unserer Außendarstellung. Um unserem vermeidlichen guten Platz in der Gesellschaft zu finden. Für die Prestige. Oder was alles noch dazu gehört.

Die Zeit, die wir auf diesem Planeten haben, ist im Verhältnis zum großen Ganzen lediglich nur ein kleiner Wimpernschlag, oder? Ist es nicht daher viel zu schade so viele Dinge zu machen, nur weil wir sie machen „müssen“ oder weil wir sie so oft für andere machen statt für uns selbst? Das habe ich bereits vor einigen Jahren und nicht erst auf meiner Reise gelernt. Bestätigt wurde mir diese These unter anderem, als ich ein Interview von einem meiner Lieblingsschauspieler gelesen hatte. Ein Reporter fragte ihn, was er am meisten in seinem Leben bereuen würde. Er antwortete darauf, dass er immer versucht hatte es allen anderen recht zu machen in seinem Leben und sich dabei immer selber vergessen hatte. Das Traurige an dieser Tatsache war, das ihm diese Erkenntnis erst im hohen Alter kam. Es ist nie zu spät für Lebenserkenntnisse. Aber nun bleibt ihm nur noch wenig Zeit das eigene Leben zu ändern um es anschließend intensiver zu genießen, als vorher.

Ich habe mich vor vielen Jahren selber in dieser Falle wiedergesehen und habe ebenfalls realisiert, wie schwer es ist aus einem solchen Leben auszubrechen. Daher habe ich mir damals hoch und heilig versprochen, komme was wolle, dass ich nicht eines Tages aufwachen will, wenn mein Winter begonnen hat, um zu realisieren, dass ich mein Leben nicht gelebt habe. Und ich habe mir hoch und heilig versprochen mein Leben zu verändern.

Das mag jetzt vielleicht alles theatralischer oder zu tiefst deprimiert klingen für den ein oder anderen. Mag vielleicht sein, aber für mich es keines der beiden. Ich drücke das nur recht klar und deutlich aus und habe für mich selber einen Entschluss gefasst, dass ich so nicht mein Leben verbringen will. Und ich drücke es auch so deutlich aus, weil ich diesen Kreislauf viel zu oft bei so vielen anderen Menschen gesehen habe als nur bei mir. Aber dafür bin ich nicht verantwortlich und das muss jeder selbst entscheiden. Ja, es ist nicht einfach das zu ändern. Aber was ist bitte die Alternative? In meinen Augen gibt es keine, sofern jeder für sich diese Frage ehrlich beantwortet und sich selber im Hamsterrad wiedererkennt.

Und ja, genau heute, im dem hier und jetzt, bin ich froh, dass ich genau hier bin, wo ich bin. Und ich bin froh genau das zu tun, was ich tue. Ich mache das, wozu ich Lust habe und nur für mich und für keinen anderen. Ich habe mein Leben „um kalibriert“ und ich würde heute sagen, dass ich Rückbetrachtet die richtige Entscheidung getroffen habe.

Was ist aber eine Entscheidung? Entscheidet man sich, hat man eine Abwägung getroffen – meistens zwischen A oder B .. oder C, D, E, etc. Geht man den einen Weg, kann man oft nicht den anderen Weg gehen. Ja, das betrifft auch mich. Ich habe mich für diesen Weg entschieden, wohl wissend, dass ich nun nicht andere Wege gehen kann. Wege der Freundschaft aufgrund der Entfernung .. ich kann an vielen besonderen Momenten von für mich wichtigen Menschen nicht direkt teilhaben. Macht mich das traurig? Ja, sehr. Ich habe meiner Karriere eine Pause gegönnt, was sich aber viel mehr als ein Rückschritt anfühlt als eine Pause. Ja. Wir können nicht alles haben im Leben. Die Frage ist am Ende, was wir für Entscheidungen wir im Leben getroffen habe und auf welche wir stolz und auf welche wir weniger stolz sind. Oder welche uns zum eigenen Ziel gebracht haben und welche nicht. Wenn wir die Entscheidungen nicht für uns selbst treffen, für wen dann?

Ich wurde öfters in den vergangenen Monaten von Freunden gefragt, wie es sich anfühlt nun ein Jahr unterwegs zu sein und ob ich eine Veränderung spüren würde. Ja, ich habe viel erlebt. Verdammt viel. Vielleicht zu viel in zu kurzer Zeit. Von Monat zu Monat werde ich langsamer im Reisen – nicht, weil ich körperlich müde bin, sondern weil ich geistlich gesättigt bin. All die Eindrücke, die Abenteuer, die neuen Menschen, die Sitten, das Essen, die neuen Gegenden, neue Kulturen, neue Religionen, etc. – all das muss ich für mich verarbeiten. Dazu brauche ich Zeit. Zeit für die Verarbeitung. Zeit um Energie zu tanken für das nächste Abenteuer. Ich weiß, dass ich auf einer unfassbaren Reise bin und das sehr viele Menschen mich darum beneiden was ich mache und wie ich es mache. Aber auch meine Entscheidung auf die Weltreise zu gehen, alleine, war eine Entscheidung für die eigene Weiterentwicklung und sich dem zu stellen, wovor ich Angst hatte.

Bevor ich diese Reise begonnen habe, habe ich keinen einzigen Urlaub in meinem Leben alleine verbracht. Allein ein Wochenende zu verbringen war mehr sehr selten und alles andere als leicht für mich. Ja, ich hatte große Angst Zeit mit mir zu verbringen. Mich zu akzeptieren wie ich bin. Zu sehen, wie ich mit dem Alleinsein zurecht komme ohne die ganzen Ablenkung um mich herum. Die vergangenen 13 Monate war ich oft allein. Oft habe ich mich gefragt, was ich hier eigentlich mache. Ob ich nicht total durchgeknallt bin und ich nicht einfach nach Hause fahren soll. Ja, das hätte ich tun können und sicherlich hätte es mir keiner übel genommen. Aber ich gebe nicht auf. Das habe ich nie und ich wollte nicht mit 36 Jahren damit anfangen. Ich habe von Monat zu Monat gelernt besser mit mir umzugehen, mich auf mich einzustellen, mich etwas zu verändern .. und ich habe dadurch ein anderes Selbstvertrauen gewonnen, was ich vorher nicht in der Intensivität gespürt habe. Durch die “twenty for hours” Auseinandersetzung mit einem selbst werden einem jegliche Charaktereigenschaften ungefiltert bewusst und das schlimme daran: Man kann in diesem Prozess nicht fliehen.

Ich habe in den vergangenen 13 Monaten viel über mich gelernt. Weniger wer ich wirklich bin, dass wusste ich bereits vorher, sondern viel mehr was ich in Zukunft will und was ich definitiv nicht will. Welche Fähigkeiten ich habe und welche nicht. Ich habe gelernt mich mehr zu akzeptieren, wie ich bin, wenn gleich ich definitiv noch Zeit brauche um den kompletten Prozess abzuschließen.

Ich habe ebenfalls über meine berufliche Vergangenheit nachgedacht. Auf vieles bzw. fast alles, was ich beruflich erreicht habe und wie ich es erreicht habe, bin ich stolz. Sehr stolz. Weiterhin. Trotz meiner Fehler oder der Unwissenheit an Erfahrung in Führungssituationen. Worauf ich aber definitiv nicht stolz bin ist, dass ich mich selber als Person dabei vernachlässigt habe und ich in einen Strudel geraten bin, den ich oben beschrieben habe. Ich weiß heute noch nicht wie meine zukünftige berufliche Karriere aussehen wird. Was ich aber definitiv weiß ist, das Basis-Parameter andere sein werden als in der Vergangenheit.

In meinem beruflichen Abschiedsbrief an meine Kollegen schrieb ich, dass ich mich auf die bevorstehende “Entschleunigung” in meinem Leben freuen würde. Ja, das tat ich auch. Das tue ich jetzt immer noch. Aber, insbesondere in den ersten Monaten war diese Art der gewünschten Entschleunigung unglaublich brutal und erbarmungslos. Es war brutal von 100 km/h runter auf 5 km/h zu bremsen. Wie jeder weiß, geht das nicht ohne eine harte Vollbremsung. Und genau so hat es sich für mich angefühlt. Plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden. Sich nicht mehr zur gleichen Zeit um 100 Sachen kümmern zu müssen oder drüber nachdenken zu müssen. Was mache ich mit dieser ganzen Zeit, die ich plötzlich zur Verfügung habe? Wo ist meine alte Routine. Sie gibt es nicht mehr. Ich war in den ersten Wochen/Monaten der Auffassung, jeden Tag viel fahren zu müssen. Viel sehen zu müssen. Das war meine Struktur der letzten 20 Jahre, die ich gelernt hatte. Viel zu erledigen in kurzer Zeit. Aber kommt es darauf an? Manchmal vielleicht, aber nicht immer. Der Weg ist doch das Ziel .. oder?

Nun, das ist mein Jahresrückblick. Mittlerweile sitze ich in einem Café in Kolkata und schreibe die letzten Zeilen diesen Beitrages. Nein, ich habe nicht die Zeitmaschine erfunden, wenn sich jetzt jemand fragt wie ich das angestellt habe von einem Reisfeld zu einem Kaffee zu kommen =) Der Beitrag ist länger geworden als gedacht und ich habe irgendwo aufgehört und hab ihn hier in Kolkata in einem Café zu Ende geschrieben.

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