Armenien

Wenn man es am wenigsten erwartet ...

Es kommt bekanntlicherweise ja immer anders als man denkt. Geplant war die Einreise in den Iran über die Türkei … doch als ich eines Abends in Doğubeyazıt meine Weiterreise plante, entdeckte ich plötzlich Yerevan. Yerevan? Allein der Name faszinierte mich von der ersten Sekunde an und bereits nach kurzer Recherchezeit entschied ich mein Plan zu ändern und die Stadt Yerevan zu erkunden! Aus geplanten 80 Kilometer Luftlinie wurden dann plötzlich 1.000 Kilometer Umweg. Fuck! Berta erklärte mich für vollkommen verrückt, insbesondere als sie bemerkt hatte, dass wir zwangsweise über Georgien fahren mussten, da sich die Türkei und Armenien auf den Tot nicht ausstehen können und alle Grenzen seit langer Zeit geschlossen halten. Somit wurde aus ein geplanten paar Tagen Sightseeing in Yerevan ein paar harte Tage Anreise über mehrere Pässe, passierten unzählige Militär-Checkpoints noch auf türkischer Seite, überquerten schneebedeckte Berge und das alles während wir auf den schlechtesten Straßen gefahren sind, die ich in meinem Leben jemals gesehen hatte.

Ich dachte mir – wenn Yerevan so wird wie die Straßen hier draußen, wird das ein verdammt kurzer Besuch. Mein Nerven lagen blank, insbesondere, wenn alle Straßenteilnehmer sich plötzlich entscheiden die eigene Fahrbahnseite zu missachten, da es auf der anderen Fahrbahnseite weniger Schlaglöcher gibt.

Es ist bereits später Nachmittag als ich in Yerevan angekommen bin. Ich suchte für Berta und mich einen geeigneten Schlafplatz. Mit der Zeit bekommt man einen geschulten Blick wenn man Google Maps öffnet … er sollte eine tolle Aussicht haben, ruhig sollte er sein, zentral gelegen wäre optimal und wenn es geht wäre eine Toilette in der Nähe perfekt. Check – gefunden! Angekommen, bereitete ich für die Nacht alles vor und als ich gerade dabei war mein Bett zu betreten, klopfte es an der Scheibe …

“Passport control, please coming out”, ertönte es von draußen. Super. Habe ich da jetzt Bock drauf. Ich zog mich wieder an, suchte meinen Reisepass und öffnete die hintere Tür. Drei Polizisten leuchteten mir ins Gesicht und waren sichtlich beunruhigt. Ich versuchte auf Englisch zu erklären, dass ich tot müde bin und einen Schlafplatz benötige. Die drei Polizisten schauten mich verständnislos an, was aber daran lag, dass sie leider kein Wort von dem was ich gesagt hatte, verstanden. Ich zog mein Handy aus der Tasche, wechselte die Übersetzung von “Englisch->türkisch” auf “Englisch->armenisch” und erklärte erneut meine Situation.

Ich wurde gefragt, ob ich wissen würde, wo ich mich gerade befinden würde. “Come on Guys”, dachte ich mir. Ich bin hier ganz alleine und störe niemanden. Meine Antwort war aber etwas politischer und ich zählte auf was mir wichtig ist an einem geeigneten Schlafplatz und das dieser Platz für mich all diese Punkte beinhaltet. Und ob es okay ist das ich hier für eine Nacht stehen bleiben könne. Als Antwort erhielt ich, dass ich mich auf dem wichtigsten historischen Platz befinden würde, den es für die Armenier gibt. Genannt “Tsitsernakaberd Armenian Genocide Memorial Complex”. Super. Das kann auch nur mir passieren! Ich sollte anschließend die Tür schließen, leider nicht von innen, sondern von außen. “Please follow us” sagte einer der Polizisten…

Mit allem gefasst was nun kommen mag, folgte ich den drei Polizisten. “Vor wenigen Monaten war Angela Merkel hier, schau, dort hat sie ein Baum gepflanzt.” sagte einer der Polizisten zur mir. Okay .. interessant, dachte ich mir. Was wird das hier bitte, ich bin tot müde? Es folgt anschließend eine ca. zwei stündige Rundführung über das komplette Gelände inkl. ein Teil des Museums. Verrückte Welt ! Nach dem Rundgang waren wir so gut wie beste “Freunde”, meine Müdigkeit war verflogen und am Ende aßen wir gemeinsam bei Berta einen Mitternachtssnack. “Wenn Du irgendwas brauchst, sag uns jederzeit Bescheid. Wir sind Nachts und Tags über immer hier.” sagte einer der Polizisten noch zu mir, als wir uns verabschiedeten. Wow. Was für freundliche Menschen! Die nächsten Tage aßen wir manchmal gemeinsam Frühstück, plauderten über Gott und die Welt und ich war das einzige Fahrzeug, was tagsüber auf dem Parkplatz bleiben durfte. Lucky guy ^^ Und das, obwohl jeden morgen der Parkplatz gesperrt wurde und nur für spezielle Besucher zugänglich war. Ha, was ei Gefühl =) Das Wichtigste jedoch – ich musste mir tagsüber um Berta keine Sorgen machen. Fabelhaft!

Ich erkundete Yerevan zu Fuß. Die Innenstadt war überschaubar. Schnell hatte ich raus wie die Stadt tickte. Ich zock von Kaffee zu Kaffee, während ich Sehenswürdigkeiten abklapperte. Besonders aufgefallen ist mir, dass die Stadt sehr sauber war, alle Menschen waren gepflegt und es gab überall tolle Restaurants, unzählige Shopping-Möglichkeiten, Eis-Dielen zum Schlemmern, Bars für den ein oder anderen GIN-Tonic und Nachtclubs, die es in sich hatten ^^ Ich traf viele interessante Menschen und wir haben viel Zeit zusammen verbracht. Aus wenigen geplanten Tagen wurde wieder schnell eine Woche. Wie die Zeit vergeht!

Ich fuhr weiter in den Süden von Armenien. Erneut durfte ich feststellen, dass eine gelbe Strasse auf Google-Maps nicht die gleiche Bedeutung hat wie eine gelbe Strasse bei uns in Deutschland. Die Landstraße endete plötzlich in einem Feldweg hoch oben in den Bergen, 150 Kilometer vor der iranischen Grenze. Mein Plan war es mit Berta und einem fast leeren Tank über die armenische/iranische Grenze zu rollen, da der Diesel im Iran deutlich günstiger sein sollte als in Armenien. Somit hatte ich keinerlei Reserve eingeplant gehabt und schon gar nicht für einen Feldweg, wo der Allrad durchgehen aktiv sein musste… aber als ich das alles wirklich realisierte hatte, war es natürlich viel zu spät ;( Mitten im nirgendwo, die Dämmerung ging bereits in die Nacht über, kein Internet-Verbindung und Berta zeigte mir eine tief rote Tanknadel an. Die nächste Tankstelle undefinierbar weit entfernt!

In letzter Minute und eigentlich war es auch schon stock duster, aber das gebe ich nicht wirklich zu ^^, fand ich ein kleines Bergdorf auf meiner Route. Wie der Zufall es will, fand ich einen Bauer der mir wirklich Diesel verkaufen wollte und konnte und ich gerade noch so viel armenisches Geld bei mir hatte, dass ich die 10 Liter bezahlen konnte. Yeah! Er bot mir anschließend ein Tee und eine Schlafmöglichkeit an. Jegliches verneinen war zwecklos, dass habe ich bereits gelernt auf meiner Reise .. und die Temperatur war bereits jetzt um die 0 Grad.

Ich wurde mit selbst hergestellten Köstlichkeiten versorgt, Yummy! Mehr “Bio” oder “Organic” geht nicht, wie man heute so oft sagt ;=) Anschließend wurde mir mein Schlafplatz gezeigt. Puh! Ich sollte im gleichen Raum wie meine Gastgeber schlafen. Es war der einzige Raum der Abends beheizt wurde und in dem alle Betten des Hauses standen. Am Anfang war ich irritiert darüber .. aber sie erklärten mir, dass wenn die eigenen Kinder zu Besuch sind, würden sie auch alle in diesem Raum schlafen. Ich habe mich langsam mit dem Gedanken angefreundet und schenkte, um mich etwas erkenntlich zu zeigen, meine letzte GIN-Flasche der Familie. Der Ofen wurde angeschmissen, die Falsche glücklicherweise ^^ direkt geöffnet und somit tranken wir noch den ein oder anderen Schluck gemeinsam, bevor wir in die warmen und getrennten (!) Betten nach dem langen Tag fielen…

Gute Nacht.

Besondere Momente

  • » Yerevan ist eine wunderschöne Stadt und definitiv eine Reise wert!
  • » Die Straßenqualität außerhalb von Yerevan ist halt so wie sie ist =) Den ein anderen Ausraster hatte ich dann doch ^^
  • » Wunderschöner Schlafplatz mit toller Aussucht über Yerevan direkt an Tsitsernakaberd
  • » Übernachtung im selben Raum bei einer Bauernfamilie in den Bergen von Armenien
  • » Wunderschöne Natur überhalb von Yerevan und auf dem Weg zur iranischen Grenze