Checkpoint Pakistan

Dalbandin. Es ist 19:56 Uhr, Donnerstag der 07. Februar 2019. Diesen Tag werde ich mein ganzes Leben niemals vergessen. Das ist mal sicher! Wieso? Dafür gibt es eine Reihe guter Gründe.

Fangen wir vorne an 🙂

Der Wecker klingelt. Es ist 5 Uhr morgens in Zahedan. Die letzte größere Stadt auf iranischer Seite vor Pakistan. Da ich am Vorabend mal wieder eine Einladung einer sehr gastfreundlichen Familie nicht ausschlagen konnte, habe ich nur 4 Stunden schlafen können. Ich drehte mich daher noch ein paarmal um, nutze wie in alten Zeiten mehrmals die Snooze-Funktion meines Weckers und kroch anschließend aus dem warmen kuscheligen Schlafsack. So kalt war es gar nicht wie ich dachte .. und so müde war ich auch nicht wie ich dachte. Ich setze Berta in Bewegung. Die Straßen sind im wahrsten Sinne „wie leer gefegt“. Gestern Abend toppte hier noch einem Sandsturm. Für die Jahreszeit ganz normal. Heute morgen bin ich fast der Einzige auf der Straße.. und alles Picobello sauber. Mal wieder bin ich beindruckt! 

Es sind gut 1 ½ Stunden bist zu Grenze. Der Sandsturm hat sich gelegt, der morgendliche Himmel setzt sich aus einem hellem blau und einer gelben aufgehenden Sonne zusammen… wunderschön, aber dennoch pest ein bitterlich kalter Wind über die Wüste. Zum Glück habe ich mich bereits gestern um alles Notwendige und Präventive gekümmert, dachte ich mir und war froh das es schön warm war in Berta 🙂 

Wie z.B. das Volltanken von Berta. Nun, eigentlich keine große Sache, denken sich jetzt eventuell einige, aber im Iran gibt es so gut wie keine Diesel-Tankstellen, die eine Privat-Person nutzen darf. Und mit „fast keine“ meine ich das auch so – leider. Somit habe ich gestern wieder einmal einige Stunden damit verbracht an Tankstellen Truckfahrer zu bequatschen, dass sie mich bitte bitte bitte mit auf ihre Tankkarte nehmen können. Was ein Spaß, sag ich euch. Danach war ich mal wieder gut bedient! Zu mindestens hatte ich Berta bis aufs Letzte mit Diesel „vollgepumpt“ und bereit für das Abenteuer, was vor uns liegt. Gut 1.000 km würden wir nun weit kommen. Gutes Mädchen!

Zusätzlich habe ich mein Reserve-Vorrat hinsichtlich Essbaren aufgestockt bzw. besser gesagt komplett überholt. Der Kühlschrank ist nun Rand voll. Nix, aber auch gar nix mehr passt da noch rein. Und obwohl ich kein Freund von Konserven bin und ich maximal eine Handvoll Konserven bis jetzt auf meiner Reise benutzt habe, so schwirrte mir in meinem kleinen Spatzengehirn die ganze Zeit die folgenden beiden Sätze herum, die mir eine Reisende in Tehran mitteilte: „Du hast während der Polizei-Eskorte so gut wie keine Zeit dich um dein eigenes Essen zu kümmern. Nimm dir daher ausreichend Essen mit was Du schnell zubereiten kannst.“ Nun, gesagt getan. Für zwei Woche habe ich nun eingekauft. Genauso lange ist mein Pakistan-Visum gültig, danach werde ich doch wohl wieder ein Supermarkt in Indien finden, so Gott will 🙂

Ich passierte auf dem Weg zur Grenze bereits mehrere Polizei-Kontrollen und wurde brav an jeder Kontrolle raus gewunken. Immer nur ich, alle anderen durften weiterfahren. Menno ^^. Die Polizei-Beamten haben sich sichtlich gefreut mich zu sehen und dachten sich wahrscheinlich „Tolle Abwechslung zum Alltag, den Belabern wir jetzt!“… und ich dachte mir „Jungs, ich muss spätestens um 10 Uhr iranische Zeit mit allem an der Grenze durch sein, weil dann spätestens geht die pakistanische Polizei-Eskorte los. Wenn ich später mit allem fertig bin, muss ich eine Nacht auf der Polizei-Station an der Grenze verbringen. Darauf habe ich gar keine Lust. Also quatscht mich nicht voll und lasst mich fahren“. Naja, ratet mal wer das Spiel gewonnen hat :/

An der Grenze angekommen ging alles viel schneller und reibungsloser als gedacht. Zum Glück, ich musste Zeit aufholen JMein Carne de Passage wurde bestimmt von 8 unterschiedlichen Personen/Abteilungen begutachtet, inkl. meiner beiden Reisepässe. Dass ich zwei Reisepässe dabei hatte, hatte keinen wirklich interessiert und nicht einmal eine Nachfrage dazu kam. Crazy. Genauso wenig Interesse sich jemand für Berta. Keine Kontrolle auf iranischer sowie pakistanischer Seite. Lediglich die Chassis-Nummer wurde kontrolliert… und da war er dann plötzlich! Der erste seiner Art. Er saß mitten auf der Straße mit einem groooooßen Buch in der Hand. Fleißig wurde jeder, der die Grenze passierte, dort mit ganz vielen persönlichen Angaben verewigt. Was ein Job!

Kaum auf pakistanischer Seite angekommen, will unbedingt ein Polizist bei uns einsteigen. Ich war verwundert .. doch nachdem ich den kommunikativen Austausch suchte um die Situation zu verstehen, stellte sich heraus, dass DAS meine Polizei-Eskorte ist. Also ein Polizist der während ich durch Pakistan fahre neben mir sitzt. „Okay, auf jedenfall wird es nicht langweilig“, dachte ich mir.. und es ist bestimmt nicht verkehrt einen persönlichen, pakistanischen und kostenlosen Guide inkl. Beschützter neben sich zu haben, den ich alles fragen kann, was ich will. Jackpot! 

Eine religiöse Versammlung blockierte auf dem Grenzgelände die Weiterfahrt. Wir mussten einen Hinterausgang nehmen. Kein Problem, mein neuer Freund kennt den Weg. Als wir das Grenzgelände verlassen haben – links Verkehr. Okay, check, kein Ding. Wir brauchen Kohle. Check, hab ja ein Local dabei. Dennoch hatte ich ein schlechtes Gefühl gehabt als ich 50 Euro getauscht hatte und umgerechnet 5.500 Roupie erhalten habe. Ich musste tauschen, da es anscheint üblich ist das Taxi für meinen neuen Mitfahrer zu bezahlen, wenn der wieder nach Hause will. Krass. Der Arme. Erst Tage unterwegs mit mir und dann muss der mit einem Taxi heim … ob da 50 € reichen? 

Wir verließen die Grenzstadt. Weit und breit nix zu sehen außer Wüste, Wüste und nochmal Wüste. Es stellt sich schnell heraus, dass mein persönlicher, pakistanischer und kostenloser Guide zwar all das ist, was ich beschrieben habe, aber mehr als die aller nötigsten Grundkenntnissen in Englisch waren nicht vorhanden. Daher war dann auch nach 30 Minuten gefühlt alles gesagt was wir uns sagen / fragen wollten / konnten. Grund genug für meinen neuen Freund sich ein Joint anzuzünden, den er sich kurz vorher gedreht hatte. Ich habe dankend abgelehnt, als er mir auch einen angeboten hatte. Was mich aber mehr beunruhigt hatte als der Joint war seine Kalashnikoff, die er im Fußraum dabei hatte und bei jedem Schlagloch zwischen seinen Beinen so wackelte, das ab und zu der Lauf genau auf mein Kopf gerichtet war. Geil. Nicht mit mir mein Freund! Wenn Du schon eine Tüte in Berta rauchst, dann halte die Knarre wenigsten so, dass wenn sie plötzlich los geht, dass nicht mein Kopf Matsche ist! 

Wir bremsten. Checkpoint #2. Aussteigen. Händeschütteln, dabei sich gegenseitig Höflichkeiten austauschen. „Salam”, “What’s your name?”, “Sebastian”, “And where are you from?“, „Germany“, “What is your job?”, “I work in the advertising area”, “Welcome to Pakistan”. Anschließend durfte ich mich auf einen Stuhl setzen. Da ich ja bei dem ersten Checkpoint gesehen hatte wie alles funktioniert, durfte ich die ganzen Daten nun selber in das Buch eintragen. Schlau die Jungs, aber kein Ding, schaff ich! Um mich herum waren so viele schwer bewaffnete Polizei-Beamte, dass ich mich selten sicherer gefühlt habe wie genau in dem Moment. Oder ist das ein Trugschluss? ^^ Ach und übrigens .. die letzten Reisenden waren ebenfalls Deutsche .. aus Respekt von deren Privatsphäre und dem Datenschutz nenne ich mal nicht die Namen 😉

Wir fuhren weiter. Die Straßen war bis jetzt super. Wenn wir aufmerksam waren, konnten wir 90-100 km/h fahren. Der Sandsturm von gestern hat sich anscheint nur erholt. Plötzlich waren wir mitten drinnen, die Straße war kaum noch zu sehen. Krass! Wir fuhren nur noch 20 km/h .. und die doch so hoch gelobte Straße endete plötzlich in einem Feldweg. Um uns herum tobte weiterhin der Sandsturm. Berta wackelte wie verrückt! Der Guide kannte den Weg – für mich war nix mehr zu erkennen was nach einem Weg aussah… mit allem hatte ich jetzt gerechnet, aber nicht mit so etwas. Zum Glück war mein Guide total entspannt… Lag das am Joint oder daran, dass das hier alles ganz normal ist? Zum Glück hatten wir nach ca. 15 Minuten wieder Asphalt unter den Rädern und die hochgelobte Straße kam wieder zurück. Überstanden! 

Wir bremsten erneut. Checkpoint #3. Gleiches Spiel .. aber mein Guide verabschiedete sich plötzlich. Wie, was, jetzt schon? Ein neuer Guide kam .. der Andere wollte umgerechnet 10 Euro haben für das Taxi. Okay, für 60 km vollkommen verständlich, aber haben die nicht Kollegen, die eh auf der Route fahren und ist die Eskorte nicht deren Job? Ich hab ja nicht um die Eskorte gefragt … naja, ich gab ihm umgerechnet die 10 €, wollte nicht unnötig Palaber. Weiter geht’s … mit dem gleichen Spiel … nur er rauchte kein Joint und der englischen Sprache war er nicht mächtig. Ich hätte Google-Translate benutzt, aber im nirgendwo gibt es nirgends Internet. 

Wir passierten Checkpoint #4, #5, #6, #7 und #8. Fast immer die gleiche Routine … manchmal wurde uns jedoch das Buch ins Auto gereicht und ab und zu musste ich die Angaben buchstabieren. Herrlich. Ein Bild für die Götter. Auch variieren die persönlichen Angaben von Checkpoint zu Checkpoint… so wurde z.B. ab und zu nach dem Namen von meinem Vater gefragt. Wahrscheinlich um das Ausfüllen interessanter für alle Beteiligten zu machen JAlle zwei bis drei Checkpoints wechselte auch mein Guide. Zum Glück fragte keiner mehr nach Taxi-Geld .. weil dann wären die 50 € schneller weg gewesen als ich gucken kann. Hat der Joini mich doch echt abgerippt!

Wir erreichten Checkpoint Dalbandin. Eine kleine Stadt zwischen der pakistanischen Grenze und Quetta. Ich erhielt mein erstes Gast-Geschenk. Eine Cappi mit pakistanischer Flagge. Thank you so mutch! Es ging weiter zum Hotel, in dem ich die Nacht verbringen sollte / musste. Eigentlich wollte ich auf dem Hotel Parkplatz in Berta übernachten, aber als ich mitbekommen hatte, dass meine Polizei-Eskorte dann draußen schlafen musste und es in der Wüste dann doch Abends sehr kalt wird, habe ich mich entschieden ein Zimmer im Hotel zu nehmen. Das Zimmer wurde bestimmt Jahre nicht mehr geputzt. Es war so dreckig, dass ich mein ganzes Zeug mitgenommen habe um in meinen eigenen Sachen zu schlafen. Ich habe es bereut mich für die Hotel-Variante entschieden zu haben, aber nun muss ich da durch. Warm-Wasser – Fehlanzeige. Wenn ich das Waschbecken benutzt habe, ist das Wasser durch die Wand in das Erdgeschoss geflossen und im Hotel Flur wieder rausgekommen. Nette 10 € hat das Hotel gekostet und ich musste für das Essen der Eskorte ebenfalls bezahlen. Das Hotel war kein 1 € Wert, believe me! Als ich die Küche gesehen habe, habe ich mich kurzfristig entschlossen dann doch selber zu kochen, obwohl ich tot müde bin. Es gab Hähnchen vom Vortag und Brot, das ich mir aufgebacken habe. 

Es ist nun 22:24 Uhr als ich diese Zeilen schreibe und ich wollte unbedingt die Eindrücke zusammenfassen, bevor es morgen bestimmt mit neuen Abenteuern weiter geht. Over and out, morgen geht es früh wieder weiter. Gute Nacht. 

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